100 % Industrie bei der IBM Deutschland Entwicklung und Forschung GmbH — und daneben, schon kurz nach dem Berufseinstieg, eigene Vorlesungen in der Informatik. Die 2001 verliehene Honorarprofessur an der Friedrich-Schiller-Universität Jena war die Anerkennung einer Verbindung, die längst gelebt wurde, nicht ihr Anfang.
„… dass ich erkenne, was die Welt im Innersten zusammenhält." Goethe, Faust
Ich promovierte in der Physik und kam über die computergestützte Automatisierung meiner Experimente zur Datenverarbeitung. Mein Berufseinstieg im März 1984 bei der IBM Deutschland Entwicklung und Forschung GmbH in Böblingen führte mich dann vollends in die Informatik — die Neugier auf Grundlagenfragen habe ich mitgenommen, eine Haltung, die meine gesamte spätere Arbeit prägen sollte.
Der Brückenschlag zwischen Industrie und Akademia war mir immer wichtig – nicht als zwei getrennte Karrieren, sondern als eine. Zunächst lehrte ich ab 1986 in Furtwangen, dann — mit dem Fall der innerdeutschen Mauer — war ich als erster IBM-Dozent in den neuen Bundesländern tätig: 1990 hielt ich eine Vorlesung in Leipzig, ab 1994 lehrte ich an der Universität Jena. Die Umbrüche in jener Zeit miterleben und begleiten zu dürfen, empfinde ich bis heute als großes Privileg. Ich konnte viele Kooperationsprojekte anstoßen und leiten, Studierende in die Firma bringen und Projekte zu den Studierenden. Die Einbindung in die Fakultät und bei IBM ergänzte sich hervorragend.
Seit meinen Anfängen in der Hardwarenähe bei der Prozessorentwicklung durfte ich viele neue Technologien in ihrer Entstehung unmittelbar begleiten und verfolgen. Aus hardwarenaher Programmierung wurde Systementwicklung für das System-Management von Mainframes. Die Reise ging weiter über die ersten SmartCard-Entwicklungen und die Anfänge des Internet of Things — damals noch „Pervasive Computing" — zu Social Computing und modernen Webtechnologien, bis hin zu Quantencomputern, über deren physikalische Grundlagen ich vor meiner Pensionierung noch Kolleg:innen im Entwicklungs- und Forschungszentrum referieren durfte.
Als Chief Technology Advisor habe ich das deutsche Entwicklungs- und Forschungslabor bei Unternehmen, öffentlichen Institutionen und Behörden vertreten und auf CxO-Ebene beraten — inklusive der Präsentation von IBMs technologischem Ausblick auf die jeweils kommenden Jahre. Dabei habe ich mich nie als „Verkäufer" gefühlt oder betätigt. Gerade die Kombination mit der Professur hat eine Unabhängigkeit und Freiheit erlaubt, die über den reinen Firmenrahmen deutlich hinausging. Mir ging es nie nur um die technischen Inhalte, sondern vor allem darum, was diese für uns als Individuen und Gesellschaft bedeuten — diese komplexen Zusammenhänge für Nicht-IT-Spezialist:innen verständlich zu machen, ist mir bis heute ein Anliegen.
Viele Jahre habe ich in der akademischen Selbstverwaltung mitgewirkt: als Gutachter in verschiedenen Gremien (u. a. der Deutschen Forschungsgemeinschaft, DFG), als Mitglied mehrerer Berufungskommissionen und seit vielen Jahren als Gutachter der ASIIN für Akkreditierungsverfahren von Informatikstudiengängen in Deutschland, Europa und zuletzt häufig auch in China. Die Erfahrungen im Austausch mit Kolleg:innen aus öffentlichen Einrichtungen, anderen Unternehmen und Politik, nicht zuletzt auch im Rahmen von gemeinsamen EU-Projekten, möchte ich nicht missen. Einige Jahre war ich zudem Mitherausgeber der Fachzeitschrift Information Technology.
„… was die Welt im Innersten zusammenhält" — diese Frage aus der Physik hat mich nie ganz losgelassen. Nur blieb zwischen dem vollen IBM-Alltag und der parallelen Lehrtätigkeit oft wenig Zeit dafür übrig. Mein Interesse an den erkenntnistheoretischen Fragen aus Quantenphysik, Relativitätstheorie und Kosmologie ist bis heute aktiv geblieben. Jetzt, wo ich wieder mehr Zeit dafür finde, halte ich gelegentlich populärwissenschaftliche Vorträge und Kurse zu diesen Themen — an Volkshochschulen oder in interessierten philosophischen Zirkeln.
Weil Neugier nicht nur für Physik gilt.
Für Vortragsanfragen, akademischen Austausch oder Fragen zu meiner Gutachtertätigkeit erreichen Sie mich unter martin.welsch (at) mwitplus.com.